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Sonntag, 8. Mai 2016

Mein Beltane-Tanzritual


Beltane - die Walpurgisnacht - vom 30. April zum 1. Mai ist eins der wichtigsten Feste im Jahreskreis. Hexen und Heiden feiern die Frühlings- und Schöpferkraft, Fruchtbarkeit und Entfaltung in der Natur und im eigenen Leben. Die Frauengruppe, mit der ich die letzten Jahre Rituale zelebrierte, hat sich mehr oder weniger aufgelöst. Nun suche ich nach neuen Wegen und Orten, die für mich wichtigen Feste zu begehen. Dabei stieß ich im Internet auf das jedes Jahr stattfindende Ecstatic Dance Ritual in den märkischen Wäldern und war gleich begeistert. Und so machten meine Freundin Jasmin und ich uns mit dem Regio auf den Weg zum Seminarhaus Drei Eichen, in dessen Tipidorf wir zu diesem Walpurgis tanzen, feiern, die Nacht verbringen wollten.

Ich hatte in letzter Zeit öfter Seminare mitgemacht, in denen der Tanz als Mittel zur Bewusstwerdung und Rückverbindung genutzt wurde. Das freie, ekstatische Tanzen - angelehnt an das 5 Rhythmen-Tanzen von Gabrielle Roth - führt nach innen und bringt einen in Kontakt mit den eigenen Gefühlen - die man im Tanz sogleich ausdrücken - und transformieren kann. Ein ursprünglicher und kraftvoller Weg, der mir als Tanzverliebte sehr liegt.

Und dieses Mal ging es sogar darum, am und mit dem Feuer zu tanzen ! Zu Livepercussion, barfuß auf Mutter Erde... Ich war zum ersten Mal hier in Matthias' Runde mit einer Gruppe von etwa dreißig Leuten und wusste nicht, wie genau er den Abend gestalten würde. Aber ich freute mich auf das angekündigte Buffet mit Frühlingkskräutersuppe, das Tanzen, die freie Natur und Übernachtung im Tipi. Zum Glück hatte sich rechtzeitig zum Anlass auch das Wetter gebessert.

Ich freute mich sehr darüber, dass Matthias für den Tanz einen achtsamen, rituellen Rahmen kreierte. Als es dämmerte, standen wir alle in einem Kreis um den Feuerplatz und reinigten uns mit Weißem Salbei, der in einer Schale herumging. Ein berührendes Lied erklang dazu. Dann lud Matthias nach indianischer Tradition die sieben Richtungen ein: Osten, Süden, Westen, Norden, Vater Himmel und Mutter Erde. - In der Mitte, der siebenten Richtung standen wir, befand sich das Feuer, das ein Kundiger nach der uralten Art mit einem Feuerbohrer entzündete. Magisch !




Bevor die percussive Livemusik einer kleinen Männergruppe mit Kalimba, Didgeridoo, Trommeln und weiteren Instrumenten begann, hatten wir Zeit, am Feuer zu sitzen und es auf uns wirken zu lassen. Dann  erhielt jeder von uns eine Prise Tabak - diese traditionelle indianische Opfergabe - um sie ins Feuer zu geben: Für das, was wir loslassen und für das, was wir einladen wollten in unser Leben. "Bangen, Zaudern, Hoffnunglosigkeit" flüsterte es in mir, das sollte im Feuer verbrennen. "Liebe - zum Leben, in einer Partnerbeziehung und mein Buch (das ich nächstes Jahr beginnen will)", dafür sollte das Feuer brennen. Beide Ströme nahm ich mit in den Tanz, der einmal mehr wie eine wunderbare Reise für mich wurde: Ich tanzte, was ich loslassen wollte, nieder. Und ich tanzte, was ich mir wünschte, herbei. Ich tanzte für mich, für dieses Leben. Jetzt, hier ! Und in jeder einzelnen Sekunde des Seins. Das war so spürbar hier, unter dem Wahnsinns-Sternenhimmel und den nackten Füßen, am heiß lodernden Feuer, diesem Symbol für das Leben und seine Schöpferkraft. - Sie ist groß zu Beltane, wenn die Natur sich selbst neu gebiert! Auch wir können das, auch wir müssen uns immer wieder erneuern.

Von unbändiger Lebenskraft und kraftvollen Impulsen erfasst, tanzte und tobte und taumelte ich... wiegte und schüttelte ich mich...  Ganz natürlich, ganz verinnerlicht... verbunden mit mir und den Elementen. Fasziniert und ganz wach, war es leicht, tiefer zu lauschen: Die Musik und mein Körper gaben mir Bewegungen und Lautäußerungen ein. Matthias hatte dazu eingeladen, den Kiefer locker und dem Mund entströmen zu lassen, was heraus wollte: Seufzer, Juchzer, Schreie. Wenn die Nachbartänzer es taten, traute ich es mich auch: Oft fiel der eine in den anderen ein und wir ließen gemeinsam lautstark Dampf ab: Wie ursprünglich, lustvoll und befreiend ! Manchmal hatte ich die Augen geschlossen, manchmal sah ich in die Flammen, mal tanzte ich ganz nah, mal weiter weg vom Feuer. Irgendwann begannen sich in der Glut Bilder zu formen - ein Teufelsgesicht und ein Ring sprangen mir entgegen. Ich wusste, das waren Symbole für meine dunkle Seite: Materielle Anhaftungen, von denen ich mich lösen wollte. Ich tanzte und schrie - und als ich das nächste Mal ins Feuer blickte, waren sie verschwunden.

Dann erklang eine heitere, folkloristische Melodie und einige von uns fingen an, nun auch um die brennende Mitte zu kreisen und zu springen. Und schließlich verklang die archaische, wilde Welle in meditativen Tönen... Die Stille danach fühlte sich heilig an. Heil und heilig und seltsam rein... Einfach wundervoll. Wohl eine Viertelstunde saßen wir alle gemeinsam, ohne zu sprechen am Feuer. Was wir erlebt hatten, jeder für sich und doch vereint, ist nicht wirklich in Worte zu fassen. Auch jetzt noch fühle ich mich seltsam befreit und aufgeladen.

Bevor wir dick eingepackt in unsere Schlafsäcke krochen, genossen wir noch viele Stunden am Feuer. Lieder wurden gesungen, Gespräche entspannen sich. Leider kannte ich niemanden außer Jasmin und fand nicht so recht Anschluss, obwohl ich mich sehr gern ausgetauscht hätte. Es gab kleine, sich kennende Grüppchen von Leuten, die mehr oder weniger unter sich blieben. Insgesamt fühlte ich mich bei den durchweg netten, interessanten Menchen zwar willkommen. Aber ich hätte im Laufe des Abends den ein oder anderen Teilnehmer doch gern näher kennengelernt. Vielleicht das nächste Mal ! Denn am liebsten möchte ich das Tanzritual im nächsten Jahr wiederholen.

Es ist einfach eine wunderschöne Art, den Sommer einzuläuten! Sich mit den Elementen zu verbinden. Wilde Naturkraft zu tanken. Bei sich selbst anzukommen. Danke !




Sonntag, 17. April 2016

Der innere Ort

Es ist eine altbekannte Technik in Psychologie und Therapie: Der sichere, der innere Ort. Einen Platz imaginieren, den man aufsuchen kann, wenn man von schwierigen Situationen und Gefühlen überwältigt wird. Oder einfach zum Wohlfühlen und Kraft tanken. Denn die Wirkung, die ein realer Aufenthalt in der Natur entfaltet, kann in der Phantasie quasi nachgebildet werden.

Ich habe diese Technik nicht bewusst gelernt oder angewendet. Mein Ort ist einfach zu mir gekommen. Vor dem Einschlafen - nachts oder beim Nachmittags-Nap - oder während des Meditierens begann er in meinem Inneren zu entstehen und sich immer weiter auszuformen. Ganz automatisch erschuf ich mir nach und nach eine Traumlandschaft, die mir Ruhe gab - und alles, was mir gerade fehlte.

Zuerst sah ich mich an einem einsamen Strand. In einer kleinen, stillen Bucht, in dessen Steilküste sich natürlich eine einfache Behausung fügt. Außen wie innen ist alles sehr schlicht und durchgehend in weiß gehalten. Hier sitze ich im Sand, während die Wellen meine nackten Füße umspielen. Gehe die Steintreppen zur Terrasse hinauf... sitze allein an einem Tisch, auf dem nichts als ein Glas Wein oder Wasser steht. Oder ich liege auf dem großen Bett, während der Wind durch die Terrassentür hineinweht und die Gardinen bauscht... Ich kann ausruhen, mich von der Fülle meines Lebens erholen, während ich aufs Meer hinaussschaue und in Weiß bade - alle Wände, Möbel und Kleidungsstücke tragen diese Farbe. Es geht hier wohl um das Element Wasser, Reinheit und Weichheit und um das Leerwerden...




Später begann ich auf der meerabgewandten Seite des Hauses eine Holzterrasse zu imaginieren, die auf einen Wald hinausgeht. In die Eichen, Buchen und Birken ist ein Geflecht von Baumhäusern gebettet, mit Hängebrücken verbunden. Ein großer, alter Baum ist so in die Terrasse gebaut, dass ich mich von dort aus an seinen Stamm lehnen kann. Ich blicke einfach in den lebendigen Wald und lade mich auf. Manchmal gehe ich in eins der Baumhäuser hinüber und lege mich auf eine Art Couch oder schreibe an einem kleinen Tisch. Diese Welt ist wunderbar grün, farbig und phantasievoll in ihrer Gestaltung, aber ebenfalls sehr natürlich und einfach. Es gibt keine überflüssigen Gegenstände oder Ablenkungen, große Fenster geben immer wieder den Blick auf den Wald frei. Es scheint hier um die Verbindung von Himmel und Erde zu gehen.

Vielleicht kreist meine nächste Welt ja um das Element Feuer ? Neulich kam plötzlich ein neues Bild zu mir: Es hat irgendwie das feuchtwarme Klima und Flair von Indien oder Südostasien. Ich lebe dort in einer nicht sehr tiefen Höhle, die mehr wie eine Art Schutzdach ist. Sie ist vollständig offen und gibt rechts den Blick auf einen wilde Garten- und Dschungellandschaft, links auf leuchtendgrüne Reisfelder frei. In ihrem Inneren brennt ein Feuer, an dem wir kochen - und beisammen sitzen. Die Szenerie ist ebenfalls zurückgezogen, aber ich scheine hier nicht ganz alleine zu sein...

All diese aus mir selbst heraus entstandenen inneren Orte sind mir eine Art Seelenheimat. Sie vermitteln mir tiefe Ruhe und Geborgenheit. Auch wenn nicht jede Einzelheit in meiner Vorstellung ausgeformt ist, kann ich diese Plätze deutlich vor mir sehen. Es ist, als wäre ich tatsächlich dort. Und ich kann sie nach meinen Bedürfnissen abwandeln und anpassen, mir vorstellen, was auch immer ich gerade brauche. In meiner Ozeanlandschaft schwimme ich manchmal mit Delphinen. Oder Menschen treffen mit dem Boot bei mir ein. Mitunter rufe ich auch mein Höheres Selbst - und es erscheint in Frauengestalt auf einem Felsen im Meer, um mir einen Rat zu erteilen.

Habt Ihr auch einen inneren Ort des Rückzugs ? Oder einen aus der Erinnerung, an den ihr manchmal in Gedanken zurückkehrt ? Es ist recht einfach, sich einen auszudenken ! Dabei könnt ihr ganz auf die spontane Vorstellungskraft vertrauen oder real existierende Orte und Bilder aus Filmen, Zeitschriften, dem Internet zur Hilfe nehmen und diese Landschaft dann ausschmücken und abwandeln... Denn jeder von uns hat Phantasie - und jeder von uns kann von einen Ort profitieren, der - weil tief in einem drin - immer verfügbar, immer da - und für einen da - ist. Der dich nährt, beflügelt, ausruhen und auftanken lässt. Denn er verbindet dich im Geiste mit der Kraft der Natur, mit der großen Mutter Erde. Wage, sie zu umarmen ! 



Mittwoch, 23. März 2016

Momente der Dankbarkeit (11): Ein Kraftplatz

Ich hatte Glück und bin dankbar, ihn gefunden zu haben ! Ob es tatsächlich ein Kraftplatz für mich wird, muss sich natürlich erst noch erweisen. Fest steht, dass ich letzte Woche raus in den Wald ging. Auf der Suche nach einem gut erreichbaren und doch geschützten Ort, zu dem ich übers Jahr immer wieder zurückkehren kann. Einfach zum Durchatmen, aber auch für eine Art Heimkehr in der - in die - Natur. Und zum Ritualisieren. Das Feiern der Jahreskreisfeste oder Gestalten anderer Rituale ist in letzter Zeit leider eingeschlafen. Doch wenn ich erst mal einen schönen Platz habe, gelingt mir ja vielleicht eine Erweckung !

Einst hatte ich zum selben Zweck eine Birke gefunden und dort einen Hexenbesen (zum Spiel und rituellen Reinigen der Wohnung) hergestellt und aufgeladen. Und Imbolc-Wünsche in die Zweige gehängt... Doch der Zugang zu diesem Ort war schon im Mai völlig zugewuchert und unerreichbar geworden.




Neulich kam mir dann die Eingebung: Dieser Platz dort, bei den Birken und Fichten, kann vielleicht von der anderen Seite her zugänglich sein ! Hab ich da nicht mal Spaziergänger mit Hunden gesehn ? Und so war es! So fand ich meine alte Birke, lief etwas zwischen den Nadelbäumen herum und kam schließlich auf eine kleine Lichtung, die vom Waldweg weiter entfernt und nicht einzusehen ist. Von Bäumen umrahmt, fühle ich mich dort wohl und geborgen. Die Vögel zwitscherten wie verrückt. Und ein besonders schöner, vielgestaltiger Gesang erklang darin. Das Tier dazu trieb sein Spiel mit mir und flog immer zum nächsten Baum, sobald ich es wieder erspäht hatte. Kraniche zogen ihres Weges, der halbe Mond leuchtete in der Dämmerung... Und ich entdeckte einen Ameisenhaufen, weitere Birken und eine Ansammlung kleiner Federn in der Nähe.

All dies verstand ich als gute Omen für meine zukünftigen Kraftplatz. Und so steckte ich ein paar der gefiederten Fundstücke in einen alten Baumstumpf auf der Lichtung. Als eine Art Zeichen, als eine Art Frage: Danke für diesen Ort. Gern kehre ich wieder. Darf ich ?





Samstag, 26. September 2015

In deinem Schoß


Tröstet mich
Apfelblüte
aufgehender Mohn 

Seid Hoffnung
ihr schwellenden Früchte

Rüttelt mich rauh
Umfangt mich warm
rastlose vier Winde
 
  
Tröstet mich
heitere Birke
weise nickender Mond

Amseln
stimmt ein
in mein Lied

Auch ich bin
Schildkrötengang
Spinnenfaden
Wölfin
Fliegen
 

Tröstet mich
Seeufer
springender Bach
durchdringender Regen

Wascht meine Seele rein
 

Oh große Mutter Erde
lass mich heil werden
in deinem Schoß


 





 © Gedicht by Vilwarin 2009






 

Freitag, 1. Mai 2015

Frühlingsfeuer


Erwachen tagt’s und macht mich reich
Kann nicht dieselbe bleiben
Tu es den jungen Blättern gleich
maitrunken auszutreiben: 


Ich fei’re das Feuer in meinem Schoß
Spinn’ mutig meine Träume groß
und tanze sie ins Leben
Der roten Kraft ergeben… 


Nähre das Feuer in meinem Bauch
Entdecke, was ich wirklich brauch
Trag es hinein, hinaus
Tief in mir selbst zuhaus…


Vertraue dem Feuer in meinem Herz
Reis’ mit den Winden himmelwärts,
den Wurzeln in die Erde
bis ich verwandelt werde…


In jene Göttin, die ich bin
Herausgeschält aus vielen
Das Feuer lodert, gib dich hin 

und lass uns damit spielen !

 

































© Gedicht by Vilwarin 2012
© Zeichnung by Vilwarin 2015



Sonntag, 15. Februar 2015

Gut getan: Ein Hauch von Abenteuer

Herrlicher Sonnenschein und ein erster Anflug von Frühling - das Wetter der letzten Tage hat so richtig gut getan. Gestern habe ich bei anregender Lektüre in meinem lichtdurchfluteten Zimmer sonnengebadet. Heute dann schaffte ich es endlich raus.
Viele haben Partner, Hund oder Garten, die ihnen den Gang vor die Tür erleichtern. Ich ziehe mich an einem freien Wochenende hingegen oft genussvoll in meine kleine Höhle zurück, murkele so vor mich hin und stelle am Ende des Sonntags fest, dass ich gar nicht an der frischen Luft war. Ganz alleine kostet es immer ein bisschen Überwindung, einfach loszulaufen.

Doch heute zog es mich regelrecht hinaus und ohne Plan und Gepäck ging ich einfach drauf los, bis ich irgendwann in den Wald abbog. Dort hatte ich mich früher schon mal falsch orientiert und nur durch Hinweise von Spaziergängern rechtzeitg vor Einbruch der Dunkelheit wieder nach Hause gefunden. Diesmal nahm ich eine andere Richtung, folgte gewissenhaft Schildern und Markierungen - und verpasste auf dem Rückweg doch den richtigen Abzweig. Auch heute war ich etwas zu spät losgelaufen. Die Dämmerung ließ sich nun schon erahnen und ich merkte, dass ich woanders als gedacht herausgekommen würde. Und doch war ich ganz furchtlos und genoss jeden Schritt.
Ich hatte einen schönen kleinen Rastplatz entdeckt, an den ich gern zurückkehren wollte. Etwas höher und doch direkt zwischen den Bäumen gelegen, kann ich ihn in den wärmeren Jahreszeiten vielleicht sogar zum Schreiben oder Schnitzen nutzen.
Ich nahm alles ganz bewusst wahr: Die dunkle Erde unter meinen Füßen, den Wald um mich her, all die wilden Baum-, Holz-, Gräser- und Moos-Kompositionen, von Feuchtigkeit und Frühlingshoffnung durchsetzt. Spechte hämmerten, erstes Amselgezwitscher erklang, auf den Dammwiesen in der Ferne entdeckte ich ein paar der dort weidenden Wasserbüffel.
Lief immer weiter durch gänzlich neue Gefilde, bis ich an eine bekannte Straße kam. Ich wusste, dass sie mich sicher nach Hause führen würde - wenn da nicht der fehlende Gehweg wäre ! Außerorts und im Halbdunkel war für einen einsamen Fußgänger der Autoverkehr hier ganz schön gefährlich. Aber ich ließ mich nicht entmutigen, fand zunächst einen parallelen Wald und Wiesen gesäumten Weg und ging an der nächsten Straßenbiegung wieder in das gegenüberliegende Waldstück hinein. Die Dunkelheit nahm zu und ich wurde unruhig - doch es konnte nicht mehr weit sein...
Schließlich führte ein schmaler Pfad in die richtige Richtung und in ein zauberhaftes kleines Tal hinein, in dem ich auch noch nie gewesen war. Hier schlengelte sich ein Bach entlang, der dunkel und geheimnisvoll im Dämmerlicht schimmerte.
Als ich in Richtung Stadt den Hügel hinauf stieg, flog eine große Schar Kraniche nah über mich hinweg. Ich liebe ihren wilden Ruf und war durch den Anblick ganz gerührt. Fühlte mich befreit und glücklich, dass ich zurückgefunden hatte - und dass ich losgelaufen, meiner Intuition gefolgt und durch kleine Glücksmomente belohnt worden war ! Ein Hauch von Abenteuer, viel heilsame Bewegung und Rückverbindung mit Mutter Erde. Am Ende hatte ich durch "Zufall" einen Bach gefunden, wie er mir beim Losgehen vor Augen stand. War beinschwer und hungrig. Aber zugleich unendlich friedvoll und satt.


Es ist seltsam, wie wenig man zuweilen seine nächste Umgebung kennt ! Viele Wege war ich noch nie gegangen, war mir gar nicht bewusst, dass es sie gab. Doch nun habe ich einige von ihnen erkundet und kann all die neuentdeckten Orte mit Wonne wieder aufsuchen, wenn mir danach ist. Wenn Frühling in ihnen erwacht oder Herbst in ihnen flammt. Wenn ich die wilde Kraft der Natur wieder spüren will. 

Der heutige Ausflug ins Unbekannte hat mir gezeigt, wie sehr ich es genieße, draußen zu sein und neue Pfade zu erkunden. Diese Sehnsucht, die ich schon seit langem in mir spüre, ist also kein Hirngespinst, sondern etwas, dem ich nachgehen sollte. Im kleinen, wie heute nachmittag. Und im großen - mit ganzen Wochenendausflügen ins Unbekannte. In die S-Bahn steigen mit etwas Ausrüstung und Proviant, irgendwo weiter draußen wieder aussteigen - und frei wie ein Vogel durch die Lande ziehen. Ja, dann möglichst am frühen Morgen statt kurz vor der Abenddämmerung. Oder sollte ich es wagen, mal alleine draußen zu übernachten ?

Freitag, 12. Dezember 2014

Gut getan: FreiTanzen...

Ich möchte die neue Rubrik "Tat des Tages" gerne fortsetzen, aber unter dem obigen, etwas veränderten Namen. "Gut getan" - diese Formulierung gefällt mir in ihrer Doppeldeutigkeit besser. Sie wiegt nicht so schwer wie eine Tat des Tages, sondern konzentriert sich ganz auf das Wohlergehen aller Beteiligten...

Gestern hab ich etwas für meinen Körper getan, vor allem er war beteiligt !

Zwei mal im Monat nutzen ein paar Tanzbegeisterte einen der ausladenden Seminarräume der Kommune zum "FreiTanzen". Ganz unkompliziert bringt jeder ein paar tanzbare Lieblingstitel mit. So entsteht ein buntes Potpourri an Klängen und Rhythmen, das überrascht und einlädt zu immer neuer, immer anderer Bewegung.
Ob Tango oder Rock, Elvis oder Shakira, bekannt oder nicht: Musik erklingt - und wir tanzen einfach !
Jeder für sich, aber auch mal zusammen - ganz wie man gerad will und wonach einem ist.
Das ist Disko ganz bodenständig und unkompliziert. Ohne Aufwand und Ausgehfeeling. Direkt und umsonst. Und mit ganz viel Raum !

Meist sind wir nicht viele. Gestern war ich zuerst sogar ganz allein, weil die Initiatorin krank darniederlag.
Aber ich tanzte einfach trotzdem ! Und plötzlich und unvermutet, stießen nach einer Stunde noch Zwei (das Paar Olaf und Frieda) dazu und der Abend verwandelte sich noch mal.
Kurios: Die Zufallssuche nach schönen Musiktiteln auf Olafs 350 songstarken USB-Stick: Per Knopfdruck ins Blaue... Berührend: Behutsames Kennenlernen - mal nicht so sehr über Worte als über gemeinsame Bewegung und die mitgebrachten Klänge...

 



Tanzen


Voller Kraft
spüre ich die Erde
das Holzparkett
unter meinen Füßen
die leichte Luft,
den Raum um mich her

Ganz Ohr
lasse ich mich ein
auf all die
lebendigen Lieder

Und schwinge, fliege!
zucke, kreise,
gleite, spring und weh'...
Tanze
stakkato, piano, forte...
Traue mich
gewahr

Stimme, Trommel
Tönetosen
treffen
Muskeln, Sehnen
Knochen, Haut
Verlocken, massieren,
schütteln sie

Bis ich
bis mein Jetzt
bis meine Seele
ganz dieses
Schütteln geworden ist
und ich
wild und
wach
und frei



Mittwoch, 10. September 2014

Die Wurzelhütte

Ganz hinten im großen Garten der Kommune, in der ich arbeite, steht sie: Eine zauberhafte kleine Hütte. Lang vor meiner Zeit hat sie jemand errichtet. Wahrscheinlich diente sie zum Abstellen von Gartengerätschaften. Lange nicht genutzt, war sie sehr verkommen und verdreckt. Da hab ich in diesem Frühjahr beschlossen, sie etwas herzurichten...



Die Hütte ist nicht wirklich wetterfest und sogar zu klein, um dort zu übernachten. Witterung und Zeit haben ihre Spuren hinterlassen. Aber gerade das fasziniert mich so. Mit meinen kleinen Verschönerungsarbeiten habe ich also ihren Wilde-Natur-Charakter nicht etwa überpinselt, sondern künstlerisch erweitert und betont.






So habe ich einen selbstgebastelten Traumfänger und ein Klangspiel aufgehängt. In Ritzen und an Nägel stecke ich regelmäßig gesammelte Schneckenhäuser und Wurzeln. So entstand ihr Name: Wurzelhütte - so nenne ich sie jetzt für mich.
Auch, weil sie mich an meine Wurzeln erinnert: Einerseits an meinen verstorbenen Vater, dessen kleine LandArt Bilder jetzt ebenfalls die Wände schmücken  - die älteren, an denen auch schon der Zahn der Zeit genagt hat, und die deshalb so gut hineinpassen. Mein Vater hat seine Liebe zur Natur und seinen Sinn für alles Künstlerische an mich weitergegeben. Allmählich werde ich eine ebenso emsige Fotografin und Sammlerin von Naturmaterial...
 



Wenn ich kleine Fundstücke in meine Taschen, auf meinen Altar und immer mehr auch auf eigene Kunstwerke trage, versuche ich mich mit der Natur zu verbinden. Eben auch deshalb "Wurzelhütte" - sie ist, wie so dort hinten im wilden Garten steht, in ihrem groben Stil und nun auch in ihrer kreativen Gestaltung ein Symbol für die natürliche, schöpferische "Ur-Kraft", die in uns allen schlummert. Die uns zurück zu unseren Wurzeln führt.

Stets erahnt und in den letzten Jahren zunehmend gelebt, werde ich mir der wilden weiblichen Instinkte gerade noch einmal bewusst - vor allem durch die Lektüre von Clarissa Pinkola Estés Buch "Die Wolfsfrau". Darin erzählt und deutet die mexikanische Autorin Märchen und Mythen, die uns wieder mit der Wilden Kraft verbinden können. Eine Kraft, die viele Generationen Frauen zugunsten des braven netten Mädchens, der verständnisvollen Haus- und Ehefrau zu unterdrücken lernten. Inzwischen ist das Buch wohl ein Klassiker - nicht nur für Frauen mit Interesse an Natur- und Göttinnenspiritualität. Ich bin ihm auch schon öfter begegnet. Aber wohl erst jetzt war die Lektüre wirklich "dran".
Und was führte mich zu ihr ? Die Hütte ! Als eine Kommunardin neulich Blumen pflücken ging, entdeckte sie "mein" Häuschen und "den Wolf" im Fenster. Daraufhin sprach sie mich an und drückte mir sogleich ein Nachfolgerbuch von Estés in die Hand, das Auszüge aus der "Wolfsfrau" und weitere Essays enthält. Auch zu der dicken 550 Seiten starken Originalausgabe wurde ich quasi "geführt" - sie zierte neulich die Auslage eines antiquarischen Bücherstands auf einem kleinen Berliner Markt. "Zufällig" ! Wie der ganze Besuch auf dem Markt. Das Thema wilde weibliche Urkraft ist jetzt einfach dran.





Manchmal nutzen meine Kollegen und ich die kleine Hütte nun zum Unterstellen, wenn es während der Gartenarbeit mal plötzlich schauert.
Vor allem aber soll es - nicht nur von der Ausgestaltung her - ein kreativer Standort sein: Ich will hier schnitzen - Späne und Dreck machen hier nichts aus und man hat doch eine Ablagemöglichkeit für Holz und Werkzeuge. Außerdem finde ich hier in der Natur zukünftig vielleicht den nötigen Raum und die Inspiration für mein Schreiben.
Und zum Malen! Das habe ich neulich schon gemacht. Die Staffelei steht natürlich draußen unter freiem Himmel - so male ich am liebsten (wie ich vor zwei Jahren bei einigen Workshops entdeckt und immer auf eine Wiederholung gehofft habe.) Aber einiges Material, Proviant und den Beistelltisch kann ich zwischendurch in der Hütte lassen. Sie gibt irgendwie auch ein heimeliges Gefühl. Und wenn es regnet, kann man Bilder, Pinsel und Farben schnell in Sicherheit bringen.




Wenn ich zeichne oder male, realisiere ich manchmal bestimmte Motive. Sehr oft aber lasse ich einfach aus mir herausströmen, was gerade da ist. (Intuition und freie Schöpferkraft sind wichtige Aspekte der wiederentdeckten "Wolfsfrau"!)
 
 
 

Das bei dieser Malsession entstandene Bild (noch nicht ganz fertig - ich möchte nach Mixed Media Art noch Textfragmente einfügen) sieht irgendwie wie Ei- und Samenzelle in einem aus. Ein aufstrebender Keimling. Ein glühender Funke. Schon komisch - schließlich ist die persönliche (Wieder-)Geburt in letzter Zeit mein Thema - Neu werden, anders werden, ganz ich werden. Herzensanliegen initieren - entzünden. Auch bestimmte Träume und gezogene Tarotkarten spiegeln diesen großen Veränderungsprozess in meinem Leben.




Außerdem bemalte ich Stoff mit einem wunderschönen Zitat, das auch in unserer Ausstellung "Im Kreis des Jahres" hängt. Es stammt von Jürgen Dahl, einem Journalisten und Schriftsteller, der in seinen Garten- und Pflanzenbüchern der 80er Jahre zu verantwortlichem, ökologischem Handeln aufrief. Mein Chef Martin fand den Ausspruch in seiner zerlesenen Permakultur-Fibel. Diese erste Druckprobe auf weißem Stoff lag schließlich irgendwo herum, hatte schon einen Fleck... Ich übermalte ihn kurzerhand, trug weitere Formen und Farben auf - und hängte die Worte ins Fenster meiner Wurzelhütte...