Mittwoch, 10. September 2014

Die Wurzelhütte

Ganz hinten im großen Garten der Kommune, in der ich arbeite, steht sie: Eine zauberhafte kleine Hütte. Lang vor meiner Zeit hat sie jemand errichtet. Wahrscheinlich diente sie zum Abstellen von Gartengerätschaften. Lange nicht genutzt, war sie sehr verkommen und verdreckt. Da hab ich in diesem Frühjahr beschlossen, sie etwas herzurichten...



Die Hütte ist nicht wirklich wetterfest und sogar zu klein, um dort zu übernachten. Witterung und Zeit haben ihre Spuren hinterlassen. Aber gerade das fasziniert mich so. Mit meinen kleinen Verschönerungsarbeiten habe ich also ihren Wilde-Natur-Charakter nicht etwa überpinselt, sondern künstlerisch erweitert und betont.






So habe ich einen selbstgebastelten Traumfänger und ein Klangspiel aufgehängt. In Ritzen und an Nägel stecke ich regelmäßig gesammelte Schneckenhäuser und Wurzeln. So entstand ihr Name: Wurzelhütte - so nenne ich sie jetzt für mich.
Auch, weil sie mich an meine Wurzeln erinnert: Einerseits an meinen verstorbenen Vater, dessen kleine LandArt Bilder jetzt ebenfalls die Wände schmücken  - die älteren, an denen auch schon der Zahn der Zeit genagt hat, und die deshalb so gut hineinpassen. Mein Vater hat seine Liebe zur Natur und seinen Sinn für alles Künstlerische an mich weitergegeben. Allmählich werde ich eine ebenso emsige Fotografin und Sammlerin von Naturmaterial...
 



Wenn ich kleine Fundstücke in meine Taschen, auf meinen Altar und immer mehr auch auf eigene Kunstwerke trage, versuche ich mich mit der Natur zu verbinden. Eben auch deshalb "Wurzelhütte" - sie ist, wie so dort hinten im wilden Garten steht, in ihrem groben Stil und nun auch in ihrer kreativen Gestaltung ein Symbol für die natürliche, schöpferische "Ur-Kraft", die in uns allen schlummert. Die uns zurück zu unseren Wurzeln führt.

Stets erahnt und in den letzten Jahren zunehmend gelebt, werde ich mir der wilden weiblichen Instinkte gerade noch einmal bewusst - vor allem durch die Lektüre von Clarissa Pinkola Estés Buch "Die Wolfsfrau". Darin erzählt und deutet die mexikanische Autorin Märchen und Mythen, die uns wieder mit der Wilden Kraft verbinden können. Eine Kraft, die viele Generationen Frauen zugunsten des braven netten Mädchens, der verständnisvollen Haus- und Ehefrau zu unterdrücken lernten. Inzwischen ist das Buch wohl ein Klassiker - nicht nur für Frauen mit Interesse an Natur- und Göttinnenspiritualität. Ich bin ihm auch schon öfter begegnet. Aber wohl erst jetzt war die Lektüre wirklich "dran".
Und was führte mich zu ihr ? Die Hütte ! Als eine Kommunardin neulich Blumen pflücken ging, entdeckte sie "mein" Häuschen und "den Wolf" im Fenster. Daraufhin sprach sie mich an und drückte mir sogleich ein Nachfolgerbuch von Estés in die Hand, das Auszüge aus der "Wolfsfrau" und weitere Essays enthält. Auch zu der dicken 550 Seiten starken Originalausgabe wurde ich quasi "geführt" - sie zierte neulich die Auslage eines antiquarischen Bücherstands auf einem kleinen Berliner Markt. "Zufällig" ! Wie der ganze Besuch auf dem Markt. Das Thema wilde weibliche Urkraft ist jetzt einfach dran.





Manchmal nutzen meine Kollegen und ich die kleine Hütte nun zum Unterstellen, wenn es während der Gartenarbeit mal plötzlich schauert.
Vor allem aber soll es - nicht nur von der Ausgestaltung her - ein kreativer Standort sein: Ich will hier schnitzen - Späne und Dreck machen hier nichts aus und man hat doch eine Ablagemöglichkeit für Holz und Werkzeuge. Außerdem finde ich hier in der Natur zukünftig vielleicht den nötigen Raum und die Inspiration für mein Schreiben.
Und zum Malen! Das habe ich neulich schon gemacht. Die Staffelei steht natürlich draußen unter freiem Himmel - so male ich am liebsten (wie ich vor zwei Jahren bei einigen Workshops entdeckt und immer auf eine Wiederholung gehofft habe.) Aber einiges Material, Proviant und den Beistelltisch kann ich zwischendurch in der Hütte lassen. Sie gibt irgendwie auch ein heimeliges Gefühl. Und wenn es regnet, kann man Bilder, Pinsel und Farben schnell in Sicherheit bringen.




Wenn ich zeichne oder male, realisiere ich manchmal bestimmte Motive. Sehr oft aber lasse ich einfach aus mir herausströmen, was gerade da ist. (Intuition und freie Schöpferkraft sind wichtige Aspekte der wiederentdeckten "Wolfsfrau"!)
 
 
 

Das bei dieser Malsession entstandene Bild (noch nicht ganz fertig - ich möchte nach Mixed Media Art noch Textfragmente einfügen) sieht irgendwie wie Ei- und Samenzelle in einem aus. Ein aufstrebender Keimling. Ein glühender Funke. Schon komisch - schließlich ist die persönliche (Wieder-)Geburt in letzter Zeit mein Thema - Neu werden, anders werden, ganz ich werden. Herzensanliegen initieren - entzünden. Auch bestimmte Träume und gezogene Tarotkarten spiegeln diesen großen Veränderungsprozess in meinem Leben.




Außerdem bemalte ich Stoff mit einem wunderschönen Zitat, das auch in unserer Ausstellung "Im Kreis des Jahres" hängt. Es stammt von Jürgen Dahl, einem Journalisten und Schriftsteller, der in seinen Garten- und Pflanzenbüchern der 80er Jahre zu verantwortlichem, ökologischem Handeln aufrief. Mein Chef Martin fand den Ausspruch in seiner zerlesenen Permakultur-Fibel. Diese erste Druckprobe auf weißem Stoff lag schließlich irgendwo herum, hatte schon einen Fleck... Ich übermalte ihn kurzerhand, trug weitere Formen und Farben auf - und hängte die Worte ins Fenster meiner Wurzelhütte...




Kommentare:

  1. Liebe Katja,

    ein ganz wundervoller Blogeintrag. Die Wurzelhütte ist ganz magisch und passt zu dir.
    Vielen Dank für den Tipp "Die Bienenhüterein". Sowohl das Buch als auch der Film haben meine Seele genährt....

    Gern gebe ich dir auf deinen Blog zurück

    "Tu das, was du liebst, finde den Takt und lausche dem magischen Gespräch, das stets durch das Essen, das du kostest, die Worte, die man dir sagt, die Musik, die du hörst, und die Menschen, denen du begegnest, geführt wird, und dann wirst du nie allein sein."

    Koriandergrün und Safranrot

    Ein sinnlicher, lebensweiser und sehr weiblicher Roman über die Magie des Essens und die Kraft der Liebe.

    VlG Jacqueline

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  2. Ach liebe Jacqeline,
    erneut vielen vielen Dank für deinen Kommentar und dieses herrliche Zitat, das mich sehr bereichert. Durch deine Worte wird auch diese Seite Teil eines "magischen Gesprächs". :-)
    Das Buch wird demnächst geordert...

    Alles Liebe und bis bald !
    (kommst du am 5. Oktober zum Mabon-Fest ?)

    Katja-Vilwarin

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